Warum erleben manche von uns Zusammenbrüche erst später im Leben?

Es ist nicht ungewöhnlich, dass Überlebende von Traumata erst im Erwachsenenalter Zusammenbrüche bemerken, wie z. B. sich ständig überfordert zu fühlen, Panikattacken zu erleben, von spürbaren Angstsymptomen gelähmt zu sein und andere beängstigende Symptome.
Diese Erfahrung kann verwirrend sein. Eine häufige Äußerung von Überlebenden ist: "Ich verstehe das nicht. Ich bin gut zurechtgekommen, hatte gute Noten, war das gute Kind, das die Menschen um mich herum glücklich und stolz auf mich machte. Mir ging es so gut. Warum jetzt? Wenn es ein Trauma oder eine Wunde gab, sollte ich die Symptome dann nicht schon erlebt haben, als ich jünger war - und nicht erst, als ich jetzt älter bin und deshalb angeblich über mehr Ressourcen verfüge?"

Es gibt zwei Hauptgründe, warum diese Zusammenbrüche im Erwachsenenalter auftreten können.


Erstens: Unsere Trauma-themen sind möglicherweise erst später im Leben unvermeidlich getriggert worden. Beispiele:

a) Traumata aus der Kindheit tauchen vielleicht erst auf, wenn wir selbst Eltern werden.

b) Schwierigkeiten bei der Aufrechterhaltung von Beziehungen können sich erst im Erwachsenenalter zeigen, wenn es keine unterstützenden Strukturen und Rahmen von außen mehr gibt.

c) Die Notwendigkeit, Entscheidungen zu treffen, die uns persönlich betreffen und die volle Verantwortung für diese Entscheidungen zu übernehmen, zeigt sich vielleicht erst, wenn wir z.B. auf uns selbst gestellt sind.
 
Zweitens: Wir erleben Zusammenbrüche, wenn wir älter sind, weil unsere (oft unbewussten) Bewältigungsmechanismen zur Bewältigung früherer Kindheitstraumata oder -Verletzungen dazu neigen, entweder nicht oder nicht mehr effektiv zu funktionieren, wenn wir älter werden.

Für Überlebende komplexer Traumata ist es sehr schwierig, ihren Körper, ihren Geist und ihre Emotionen in der Sicherheit aktueller Beziehungen ruhen zu lassen, nachdem ihnen diese Sicherheit in der Vergangenheit wiederholt geraubt oder verweigert wurde. Wenn diese Ruhe (d. h. diese Sicherheit) durch plötzliche Feindseligkeit, unvorhersehbare Mikroaggressionen und emotionale Ausbrüche erneut gestört wird, ist dies oft re-traumatisierend.

Sie müssen nicht nur das Chaos, das dies in ihnen und um sie herum auslöst, erneut verarbeiten, sondern auch darüber trauern, dass sie nicht nur erneut das Gefühl der Sicherheit verloren haben, das für ihr Wohlbefinden von grundlegender Bedeutung ist, sondern dass sie auch so hart daran arbeiten müssen, sich diese Sicherheit erneut zu erarbeiten.

Überlebende komplexer Traumata mussten also immer wieder daran arbeiten, die für das psychische Wohlbefinden wesentlichen Grundlagen wie Sicherheit wiederherzustellen.

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